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Architektur

Unregelmäßig, scheinbar zufällig miteinander kombinierte Bauelemente

Formensprache symbolisiert den Versuchsaufbau eines Experimentes (Foto: Ockert).

Der Entwurf des ursprünglichen HYSOLAR-Gebäudes entstammt Günter Behnisch sowie den in seinem Büro angestellten Projektarchitekten Frank Stepper und Arnold Ehrhardt.

Die Architekten schlugen 1986 für das in der Relation zu den bestehenden Universitätsgebäuden kleine Bauwerk eine freie, offene, neuartige und selbstbewusste Form vor, speziell zugeschnitten auf die Aufgaben und die Anforderungen eines Institutsgebäudes für das damalige HYSOLAR-Forschungsprojekt.

Collagierte, scheinbau zufällig angeordnete Glasfront (Foto: Ockert).
Die Foyer-Halle wirkt wie ein Außenbereich.

Das Gebäude vermittelt einen unfertigen und unperfekten Eindruck, ähnlich der sich immer wieder verändernden Versuchsanordnung eines wissenschaftlichen Experimentes, und steht damit symbolisch für die Arbeit der im Inneren tätigen Menschen. Für die Konstruktion wurden fertige Industrieprodukte wie Container und Stahlträger unregelmäßig, scheinbar zufällig miteinander kombiniert und in ein freies, räumliches Gleichgewicht gebracht. Günter Behnisch bezeichnete dies als eine „räumliche Collage von ready-mades.“[1] Die Entscheidung für diese Bauteile als Material war zugleich künstlerisches Mittel und Katalysator für den sehr zeitkritisch geplanten Bau. Insgesamt wurden die verwendeten Materialien oder technischen Elemente mitsamt ihrem Charakter und Eigenschaften eingesetzt und gezeigt, nichts wurde beschönigt, verkleidet oder versteckt.

Auffallend ist ein rotes Stahlrohr, das den Rahmen für das Gebäude spannt. Es durchbricht schwungvoll die gläserne Fassade, weist scheinbar auf das Innere und stößt auf der gegenüberliegenden Glasfront wieder ins Freie. Auf dieser nach Süden ausgerichteten Seite des Baus waren während der damaligen Projektlaufzeit ein Solargenerator, Photovoltaik-Elemente und ein Sonnensegel zu Forschungszwecken installiert. Noch heute erinnert ein entsprechender Aufbau an die ursprüngliche Nutzung.

Um den Austausch zwischen den Wissenschaftlern zu fördern, existiert zwischen den zwei nach Ost und West orientierten Raumseiten eine große offene Halle. Ein Asphaltboden mit einer Rampe und einem Geländer, Fenster zu den Büroräumen sowie mehrere Treppen und Stege lassen das Foyer wie eine Außenfläche erscheinen. Sowohl die gläserne Deckenkonstruktion als auch eine große südlich ausgerichtete Glasfenstercollage lassen viel Licht ins Innere des Baukörpers und ergänzen diesen Eindruck.

Dekonstruktivistischer Einfluss

Das Gebäude gilt als erstes gebautes Beispiel des Dekonstruktivismus in Deutschland und zählt aufgrund seiner besonderen Ästhetik zu den Meisterwerken der modernen Architektur.

Der dekonstruktivistische Einfluss vollzieht sich hauptsächlich auf formaler Ebene. Das Gebäude wurde aufgelöst in lineare Elemente und Flächen, auf klassische architektonische Ordnungen wurde bewusst verzichtet, unperfekte Technik offengelegt und nichts beschönigt. Das Baukonzept stand dennoch in einem klaren Zusammenhang zu den Aufgaben des Gebäudes und den Bedürfnissen der darin arbeitenden Wissenschaftler.

Dezente Erweiterung

Nord: Eingeschossige Erscheinung (Foto: Ockert)
Süden: Anbau nicht erkennbar (Foto: Ockert)

Der Neubau wurde als zurückhaltende Erweiterung zum Altbau errichtet. Miteinander verbunden sind beide Gebäudeteile durch einen gläsernen Verbindungsgang.

Der neu gebaute Anbau liegt weitgehend unter der Erde, lediglich von der Nordseite her ist eine Gebäudekante sichtbar. Dies trägt der Einzigartigkeit des unter Architekturinteressierten sehr bekannten HYSOLAR-Gebäudes Rechnung. Ferner erfüllt es die Anforderungen des hier untergebrachten Visualisierungslabors, das wegen der Abwärme der Rechner einem strengen Klimakonzept unterliegt.


Literatur

[1] Behnisch & Partner. Bauten 1952 – 1992, S. 95